SIGINT09 - final8

SIGINT 2009
22. - 24. Mai, Köln

Speakers
Anne Roth
Schedule
Day Pranks, Bugs, and Insecurities - 2009-05-23
Room KOMED Saal (MP7)
Start time 13:00
Duration 01:00
Info
ID 3215
Event type Lecture
Language used for presentation German
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Bloggen gegen Überwachung

Wie manchmal ein Blog helfen kann, die Privatsphäre zu retten

Mein Freund Andrej Holm wurde im Sommer 2007 in unserer Wohnung von einem Sondereinsatzkommando der Polizei festgenommen. An diesem Tag erfuhren wir, dass ein Verfahren nach § 129a gegen ihn geführt und er also verdächtigt wurde, ein Terrorist zu sein. Er, ich, unsere Verwandten und Freunde und Freundinnen wurden schon seit einem Jahr überwacht. Zwei Monate nach der Festnahme habe ich angefangen, über das Innenleben einer Anti-Terror-Fahnung zu bloggen.

Wir haben nach und nach realisiert, was er bedeutet, Objekt vollständiger Überwachung zu sein. Telefone werden abgehört, E-Mails gelesen, Internet-Verkehr protokolliert und ausgewertet. Es waren Videokameras vor und hinter unserem Haus angebracht. Wir haben später Teile der Protokolle samt Interpretationen des BKA in den Akten gelesen. Wir haben unzählige Fehlschaltungen unserer Handys und das Verschwinden von E-Mails erlebt. Bei der Festnahme beschlagnahmte Geräte sind bis heute nicht zurückgegeben, weil das BKA damit erzwingen will, dass Andrej die Passphrases verschlüsselter Dateien übergibt. Das Verfahren läuft noch immer und auch die Überwachung.

Unser Leben stand Kopf und tut das in gewisser Hinsicht immer noch. Andrej wurde nach drei Wochen freigelassen, und der Terrorismus-Vorwurf musste nach einer BGH-Entscheidung zurückgenommen werden. Der Irrsinn des Verfahrens geht bis heute weiter.

Mein Blog annalist war zunächst eine Chronik aller seltsamen und unfassbaren Ereignisse in unserem neuen Leben. Es hat sich beruhigt, aber ist immer noch außergewöhnlich. annalist behandelt inzwischen auch viele andere Themen, aber die Wörter „Verfahren“, „Überwachung“, „BKA“, „Akten“ und „Terrorismus“ sind neben „Andrej Holm“ weiter die sichtbarsten in der Tag Cloud.

Für mich war es erst eine Form, damit fertig zu werden, gewissermaßen Kollateralschaden im Verfahren gegen einen Staatsfeind zu sein. Auch eine Möglichkeit, vielen Interessierten viel mitteilen zu können. Und auch eine Form, mich den versessenen Staatsschützern nicht völlig macht- und hilflos auszuliefern. Und damit war das Bloggen – also das Veröffentlichen von Ereignissen aus meinem "Alltag" – eine Möglichkeit, mich gegen die Auflösung meiner Privatsphäre zu wehren.