22C3 - 2.2

22nd Chaos Communication Congress
Private Investigations

Referenten
Oona Leganovic
Programm
Tag 2
Raum Saal 2
Beginn 23:00
Dauer 01:00
Info
ID 520
Veranstaltungstyp Vortrag
Track Science
Sprache deutsch
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Geometrie ohne Punkte, Geraden & Ebenen

Buckminster Fullers Theorie und Praxis einer Wissenschaft zum Selberbauen

Über die Prinzipien hinter den geodätischen Domen, einige weitere Erfindungen und die wissenschaftliche Rezeption Fullers. Das Verhältnis von Fuller zur modernen Naturwissenschaft.

Fullers "Synergetics" basieren auf seiner extremen Experimentierfreudigkeit und der Ansicht, dass auch Geometrie eine experimentelle Wissenschaft sei. Als solche müsse sie ohne die gegenwärtig verwendeten abstrakten Konzepte von Punkt, Gerade, Ebene etc. auskommen, da diese "vormikroskopische" Annahmen seien und man inzwischen doch wisse, dass die Welt aus schwingenden "Energieereignissen" bestünde. Im Laufe seines Lebens schuf er sich ein Gedankengebäude, das sich einerseits auf die völlige Vorherrschaft der Empirie stütze, andererseits aber auch von dem stetigen Versuch geprägt war, sich einer Sprache zu bedienen und damit eine Gedankenwelt zu schaffen, die diese Empirie möglichst akkurat wiedergeben würde. Dazu gehörten Wendungen wie die, dass es doch Unsinn sei, 400 Jahre nach Galilei immer noch davon zu sprechen, dass die Sonne untergehe, wenn wir doch alle wüßten, dass sich die Erde dreht... Er versuchte, das "Koordinatensystem der Natur" zu beschreiben, und kam zu dem Schluss, es basiere auf 60°-Winkeln statt auf den 90°-Winkeln, in denen die meisten Menschen, Ingenieure und Architekten immer noch denken. Seine Überlegungen führten ihn zur Konstruktion der "Geodätischen Dome" und einiger anderer Einrichtungen zur Lebenserleichterung; er entwarf schwimmende, tauchende und schwebende Städte, Düsenfahrzeuge für den Individualverkehr und Einfamilien-"Häuser" zum Preis eines Kleinwagens. Er war davon überzeugt, dass die Menschheit weit von einem tatsächlichen Resourcenmangel entfernt sei, und nur einfach schrecklich ineffizient konstruieren würde. Er prägte den Ausdruck des "doing more with less" und glaubte, keine Politik, sondern die Aufhebung des allgemeinen Mangels durch bessere Konstruktion bzw. "Design Science" würde den notwendigen gesellschaftlichen Wandel bewirken. Diese sympathischen Äußerungen darüber, dass man alles noch viel besser machen könnte, wurden begleitet von teilweise recht merkwürdigen Vorstellungen über die Weltwirtschaft und einem spirituellen Empfinden, das heute gerne von Esoterikern vereinnahmt wird. Versuchte er einerseits, möglichst vielen Menschen seine Erkenntnisse nahe zu bringen, so war er auf der anderen Seite ganz Technokrat, der der Welt wünschte, von Ingenieuren bzw. Praktikern der "Design Science" völlig vernünftig gelenkt zu werden.

Mit seinen Vorstellungen von Geometrie begab er sich auf einen Pfad geradezu engegengesetzt zur herrschenden Wissenschaftsauffassung, und seine Pläne zur Behausung von Menschen scheiterten teilweise an so trivialen Dingen wie Bauvorschriften - dennoch kam einiges davon zur Anwendung, bezeichnenderweise hauptsächlich auf den Gebieten des Militärs und der Raumfahrt. Die Chemienobelpreisträger des Jahres 1996 ehrten ihn, indem sie ihre Entdeckung, eine spezielle Gruppe von Kohlenstoffmolekülen, die ihn ihrer Struktur Fullers Domen ähneln, "Fullerene" nannten.

Ich möchte also einen kurzen Überblick über seine Entwürfe und eine Einführung in seine "Synergetics" geben, veranschaulichen, wie diese Gedanken sich in seinen Konstruktionen wiederfinden, und Differenzen und Berührungspunkte mit den "herkömmlichen" Natur- und Technikwissenschaften aufzeigen (so bezieht sich etwa Norman Foster mit der neuen Kuppel des Reichstagsgebäudes explizit auf Fuller und neuere Erkenntnisse der Biologie legen nahe, dass Hautzellen in ihrem Aufbau Fullerschen "Tensegrity"-Konstruktionen ähneln).