[Chaos-Knoten]12. Chaos Communication Congress '95


Aktien auf die Zukunft

Delphi-Börsen

von Jens Ohlig[j.ohlig@bionic.zerberus.de]

Im Prinzip ist das mit der Zukunft ja ganz einfach: Wir alle zusammen wissen eh mehr, als jedes Individuum jemals wissen kann. Je mehr Menschen zu einem Thema befragt werden, desto mehr scheinen sich auch Vermutungen der Masse und real passierende Zukunft einander anzunähern.

In dem Roman "Der Schockwellenreiter" von John Brunner wurden zum ersten Mal sogenannte Delphi-Börsen angedacht. Wetten über den Ausgang von Wahlen oder Kriegen können hier abgeben werden. "Das können wir auch!", dachten sich Studierende und Professoren in Regensburg und Passau und lieferten mit ihrer Delphi-Börse zur letzten Bundestagswahl genauere Schätzungen über das Ergebnis ab als die einschlägig bekannten Meinungsforschungsinstitute. Der einfache Grund: Bei einer Börse, bei der durch eine genaue Schätzung auch Gewinne für die BörsianerInnen abfallen können, besteht keine Notwendigkeit mehr, zu lügen. Im Gegenteil: die Aussicht auf Gewinn (das ist zumindest die Theorie hinter der Idee) spornt die Teilnehmer zu Höchstleistungen bei der Beschaffung und Einschätzung von Informationen an - die Motivation mit Geld, das suggeriert diese Theorie, ist wirkungsvoller als komplizierte wissenschaftliche Überlegungen zur Erforschung der Welt.

Im World Wide Web existiert eine dauerhaft laufende Delphi-Börse mit der Adresse www.delphi.co.uk. Hier können Schätzungen über den Verlauf der amerikanischen Präsidentschaftswahlen, des Bosnien-Krieges oder die Zukunft des Amiga-Computers abgegeben werden. Abgerechnet wird im Moment noch mit Spielgeld, aber schon sitzen Unternehmen mit in den Augen blitzenden CyberDollars in den Startlöchern.

Sind solche Delphi-Börsen wünschenswert? Ist so eine Verbindung von Basisdemokratie und Kapitalismus überhaupt noch technologically correct? Fest steht: Solche Ansätze werden entwickelt. Das Geld als benutztes Wertaustauschmedium wird der Idee von der globalen Weltgemeinscahft zumindest eine andere, interessante Struktur geben.

Referent:
Fran Rieger, Chaos Computer Club Berlin, [frank@artcom.de]


Michael Rademacher, 28.12.1995
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